Nach
Prince George ging es die ersten 4 Tage und knapp 500 km nochmals gleich weiter
wie zuvor. Also regelmässig Dörfer, viel Landwirtschaft, viel Verkehr und fast
ständiger Handyempfang.
Anschliessend
bog ich dann auf den Stewart-Cassiar Hwy ab und somit in die erste grössere Strecke
ohne Infrastruktur. Also nicht mehr täglich ein Laden, kein Handyempfang und
deutlich weniger Verkehr.
Bären
Zu
meinem Bedauern sah ich trotz der abgelegeneren Gegend nur selten grössere Tiere.
Trotz Warnschilder am Strassenrand sah ich weder ein Karibu, noch eine Mountain
Sheep. Dafür besuchte mich an einem Übernachtungsplatz an einem See kurz ein Elch.
Als ich am Abendessen war, stand er plötzlich wie eine Statue auf der anderen
Seite des Sees. Als ich mich jedoch bewegte um die Kamera zu holen, verschwand
er so schnell und plötzlich wie er gekommen war.
Neben
Streifenhörnchen, zwei Füchsen, einem Stachelschwein, einem Bieber, zwei Weisskopfseeadlern
und vielen kleineren Vögel, waren die Schwarzbären mit Abstand die Tiere,
welche ich am häufigsten sah. Mitleerweilen begegnete ich bereits 14 Tieren. Die
meisten standen etwas abseits der Strasse oder verschwanden sobald ich auf mich
aufmerksam machte. Nur zwei blieben neben der Strasse sitzen und schauten mich interessiert
an, während ich vorbeifuhr. Auge in Auge mit einem so grossen Raubtier zu sein,
lies mein Herz jeweils höherschlagen und ich war froh, wenn ich an ihnen vorbei
war. Ansonsten habe ich mich langsam an ihre Anwesenheit gewöhnt. Bei Pausen
und am Abend schaue ich zwar noch regelmässig in die Umgebung, ob sich niemand
in der Nähe aufhält, aber schlafen kann ich wieder wie sonst sehr gut.
Wie
auch auf dem Rest meiner Reise ist die grösste Gefahr auch hier im Bärengebiet immer
noch der Verkehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich von einem Lastwagen überfahren
werde ist immer noch viel grösser als von einem Bären gefressen zu werden. (Ja,
nicht in der Nacht, aber über das Ganze gesehen.)
Waldbrände
Kurz
nach der Grenze zu Yucon endete der Stewart-Cassiar Hwy und ich kam auf den Alaska
Hwy. Zu meiner Überraschung hatte es darauf nicht viel mehr Verkehr als auf dem
Stewart- Cassiar Hwy. Später erfuhr ich, dass wegen Waldbränden weiter im Oster
der Alaska Hwy gesperrt ist und sie nur wenige Autos durchlassen, was mir nun zugutekommt.
Ansonsten bemerke ich nichts von den aktuellen Bränden. Ich kam jedoch durch Gebiete,
in denen es früher gebrannt hat. Als erstes fuhr ich durch ein Gebiet, welches
2010 und 2011 gebrannt hat. Anhand wie hoch die neue Vegetation ist, schätzte
ich zuerst, dass der Brand nur wenige Jahre zurück liegt. So war ich sehr
überrascht, als ich auf einer Infotafel erfuhr, dass der Brand bereits 15 Jahre
her ist. Ein anderes Gebiet war 2004 abgebrannt und da, nach 20 Jahren wird es
nun langsam wieder grün und es hat wieder kleine Bäumchen. Daran sieht man, wie
verletzlich die Vegetation hier ist und wie langsam die Bäume in diesem rauen
Klima wachsen.
Auch
hier im Westen ist der Boden trocken und trotz vielen Wolken am Himmel regnet
es nur vereinzelte Tropfen. Zudem sind die Temperaturen kühler als
sonst. Normalerweise sei es um diese Jahreszeit deutlich wärmer. Nun ist es
höchstens 15 Grad und wenn die Sonne nicht heraus kommt wird es nicht wärmer
als 10 Grad. Dafür hat es viel weniger Mücken und ausser einem Abend, an dem
ich fast von Black Flies gefressen wurde, hatte ich noch keine Probleme mit Insekten.
Wohin
den nun?
Nach
14 Tagen und gut 1600 km nach meiner letzten Pause in Prince George, kam ich in
Whitehorse an. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bereits einmal solange und
soweit ohne Ruhetag gefahren bin. Auch mein Bart war so lang wie noch nie und es
war die reinste Wohltat ihn wieder los zu werden. Ich (und meine Haut) sind definitiv
nicht gemacht für das tragen eines Bartes! Ohne Dusche hätte ich es jedoch problemlos
noch etwas länger ausgehalten.
Nun
bin ich bereits näher am Nordpolarmeer als an Vancouver. Zudem bereits deutlich weiter vom
Äquator entfern als ich es in Ushuaia am Start dieser Reise war. Trotzdem trennen
mich noch mindestens 1500 km vor dem Nordpolarmeer.
Hier
in Whitehorse muss ich mich nun auch entscheiden welcher Strasse ich weiter in
den Norden folge. Hier in Nordamerika gibt es zwei, welche über den Polarkreis
hinaus in den Norden führen: Der Dempster Hwy in Kanada nach Tuktoyaktuk und
der Dalten Hwy in Alaska nach Deadhorse.
Lange
überlegte ich welche der beiden Strassen ich nehmen soll. Beide haben Vor- und
Nachteile. Nachdem ich mit vielen anderen Reisenden gesprochen habe, entschied
ich mich weiter durch Kanada über den Dempster Hwy zu fahren. Der hat zwar
weniger Asphalt als der Dalten Hwy, dafür führt er bis direkt ans Polarmeer,
während die letzten 15 km in Deadhorse nur mit einer geführten Tour in einem Bus
gemacht werden können. Zudem hat es neben dem Dempster Hwy keine Ölpipeline, mehr
Einkaufsmöglichkeiten und ich kann länger in Kanada bleiben.
Alaska
kann ich auch noch auf dem Rückweg besuchen.
Gefühlschaos
Je
weiter in den Norden ich komme, je näher kommt auch das Ende dieser Reise.
Damit spielen meine Gefühle etwas Achterbahn. Ein Teil von mir möchte noch lange
so weiterreisen und hat 1000 Pläne wohin ich noch überall gehen und was ich
noch alles machen könnte. Vor allem wenn mir Veloreisende entgegenkommen,
welche bis nach Ushuaia fahren wollen, würde ich am liebsten wenden und mit
ihnen in den Süden fahren.
Ein
anderer Teil hat langsam genug und sehnt sich nach einem einfacheren Leben.
Nicht mehr täglich nach einem Übernachtungsplatz suchen, keine Routenplanung
mehr, eigene vier Wände, andere Kleider anziehen als die, die ich nun bereits
seit 1,5 Jahren trage, Konzerte besuchen, über was anderes sprechen als immer
nur von wo man kommt und wohin man fährt oder auch einfach wieder einmal was anderes
machen als Velofahren.
So
kommt es, dass am selben Tag meine Gefühle vor Glück fast überkochen und ich
mein Glück nicht fassen kann durch die schöne Landschaft fahren zu dürfen und ich
wenig später alles verfluchen könnte und keine Lust mehr hab mich abzumühen.
Daher denke ich, dass es doch langsam Zeit wird, wieder ein etwas ruhigeres,
normaleres Leben zu führen. Vielleicht so in zwei Monaten…
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