Mittwoch, 11. Juni 2025

Alles Richtung Norden (Whitehorse, Kanada)

Nach Prince George ging es die ersten 4 Tage und knapp 500 km nochmals gleich weiter wie zuvor. Also regelmässig Dörfer, viel Landwirtschaft, viel Verkehr und fast ständiger Handyempfang.
Anschliessend bog ich dann auf den Stewart-Cassiar Hwy ab und somit in die erste grössere Strecke ohne Infrastruktur. Also nicht mehr täglich ein Laden, kein Handyempfang und deutlich weniger Verkehr.
 
Bären
Zu meinem Bedauern sah ich trotz der abgelegeneren Gegend nur selten grössere Tiere. Trotz Warnschilder am Strassenrand sah ich weder ein Karibu, noch eine Mountain Sheep. Dafür besuchte mich an einem Übernachtungsplatz an einem See kurz ein Elch. Als ich am Abendessen war, stand er plötzlich wie eine Statue auf der anderen Seite des Sees. Als ich mich jedoch bewegte um die Kamera zu holen, verschwand er so schnell und plötzlich wie er gekommen war.
Neben Streifenhörnchen, zwei Füchsen, einem Stachelschwein, einem Bieber, zwei Weisskopfseeadlern und vielen kleineren Vögel, waren die Schwarzbären mit Abstand die Tiere, welche ich am häufigsten sah. Mitleerweilen begegnete ich bereits 14 Tieren. Die meisten standen etwas abseits der Strasse oder verschwanden sobald ich auf mich aufmerksam machte. Nur zwei blieben neben der Strasse sitzen und schauten mich interessiert an, während ich vorbeifuhr. Auge in Auge mit einem so grossen Raubtier zu sein, lies mein Herz jeweils höherschlagen und ich war froh, wenn ich an ihnen vorbei war. Ansonsten habe ich mich langsam an ihre Anwesenheit gewöhnt. Bei Pausen und am Abend schaue ich zwar noch regelmässig in die Umgebung, ob sich niemand in der Nähe aufhält, aber schlafen kann ich wieder wie sonst sehr gut.
Wie auch auf dem Rest meiner Reise ist die grösste Gefahr auch hier im Bärengebiet immer noch der Verkehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich von einem Lastwagen überfahren werde ist immer noch viel grösser als von einem Bären gefressen zu werden. (Ja, nicht in der Nacht, aber über das Ganze gesehen.)
 
Waldbrände
Kurz nach der Grenze zu Yucon endete der Stewart-Cassiar Hwy und ich kam auf den Alaska Hwy. Zu meiner Überraschung hatte es darauf nicht viel mehr Verkehr als auf dem Stewart- Cassiar Hwy. Später erfuhr ich, dass wegen Waldbränden weiter im Oster der Alaska Hwy gesperrt ist und sie nur wenige Autos durchlassen, was mir nun zugutekommt. Ansonsten bemerke ich nichts von den aktuellen Bränden. Ich kam jedoch durch Gebiete, in denen es früher gebrannt hat. Als erstes fuhr ich durch ein Gebiet, welches 2010 und 2011 gebrannt hat. Anhand wie hoch die neue Vegetation ist, schätzte ich zuerst, dass der Brand nur wenige Jahre zurück liegt. So war ich sehr überrascht, als ich auf einer Infotafel erfuhr, dass der Brand bereits 15 Jahre her ist. Ein anderes Gebiet war 2004 abgebrannt und da, nach 20 Jahren wird es nun langsam wieder grün und es hat wieder kleine Bäumchen. Daran sieht man, wie verletzlich die Vegetation hier ist und wie langsam die Bäume in diesem rauen Klima wachsen.
Auch hier im Westen ist der Boden trocken und trotz vielen Wolken am Himmel regnet es nur vereinzelte Tropfen. Zudem sind die Temperaturen kühler als sonst. Normalerweise sei es um diese Jahreszeit deutlich wärmer. Nun ist es höchstens 15 Grad und wenn die Sonne nicht heraus kommt wird es nicht wärmer als 10 Grad. Dafür hat es viel weniger Mücken und ausser einem Abend, an dem ich fast von Black Flies gefressen wurde, hatte ich noch keine Probleme mit Insekten.
 

Wohin den nun?

Nach 14 Tagen und gut 1600 km nach meiner letzten Pause in Prince George, kam ich in Whitehorse an. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich bereits einmal solange und soweit ohne Ruhetag gefahren bin. Auch mein Bart war so lang wie noch nie und es war die reinste Wohltat ihn wieder los zu werden. Ich (und meine Haut) sind definitiv nicht gemacht für das tragen eines Bartes! Ohne Dusche hätte ich es jedoch problemlos noch etwas länger ausgehalten.
Nun bin ich bereits näher am Nordpolarmeer als an Vancouver. Zudem bereits deutlich weiter vom Äquator entfern als ich es in Ushuaia am Start dieser Reise war. Trotzdem trennen mich noch mindestens 1500 km vor dem Nordpolarmeer.
Hier in Whitehorse muss ich mich nun auch entscheiden welcher Strasse ich weiter in den Norden folge. Hier in Nordamerika gibt es zwei, welche über den Polarkreis hinaus in den Norden führen: Der Dempster Hwy in Kanada nach Tuktoyaktuk und der Dalten Hwy in Alaska nach Deadhorse.
Lange überlegte ich welche der beiden Strassen ich nehmen soll. Beide haben Vor- und Nachteile. Nachdem ich mit vielen anderen Reisenden gesprochen habe, entschied ich mich weiter durch Kanada über den Dempster Hwy zu fahren. Der hat zwar weniger Asphalt als der Dalten Hwy, dafür führt er bis direkt ans Polarmeer, während die letzten 15 km in Deadhorse nur mit einer geführten Tour in einem Bus gemacht werden können. Zudem hat es neben dem Dempster Hwy keine Ölpipeline, mehr Einkaufsmöglichkeiten und ich kann länger in Kanada bleiben.
Alaska kann ich auch noch auf dem Rückweg besuchen.
 
Gefühlschaos
Je weiter in den Norden ich komme, je näher kommt auch das Ende dieser Reise. Damit spielen meine Gefühle etwas Achterbahn. Ein Teil von mir möchte noch lange so weiterreisen und hat 1000 Pläne wohin ich noch überall gehen und was ich noch alles machen könnte. Vor allem wenn mir Veloreisende entgegenkommen, welche bis nach Ushuaia fahren wollen, würde ich am liebsten wenden und mit ihnen in den Süden fahren.
Ein anderer Teil hat langsam genug und sehnt sich nach einem einfacheren Leben. Nicht mehr täglich nach einem Übernachtungsplatz suchen, keine Routenplanung mehr, eigene vier Wände, andere Kleider anziehen als die, die ich nun bereits seit 1,5 Jahren trage, Konzerte besuchen, über was anderes sprechen als immer nur von wo man kommt und wohin man fährt oder auch einfach wieder einmal was anderes machen als Velofahren.
So kommt es, dass am selben Tag meine Gefühle vor Glück fast überkochen und ich mein Glück nicht fassen kann durch die schöne Landschaft fahren zu dürfen und ich wenig später alles verfluchen könnte und keine Lust mehr hab mich abzumühen. Daher denke ich, dass es doch langsam Zeit wird, wieder ein etwas ruhigeres, normaleres Leben zu führen. Vielleicht so in zwei Monaten…



Biberbau







Schwarzbären













Weisskopfseeadler





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