Sonntag, 28. Januar 2024

Der Wind, der Wind, das stürmische Kind. (Perito Moreno, Argentinien)

Nach El Calafate und dem Glacier Perito Moreno, kam ich bereits zwei Tage später zum nächsten Touristen Hotspot. El Chantén ist voller Rucksacktouristen und Bergsteiger, die hier auf das richtige Wetter warten um die umliegenden Berge zu erkunden. Die Berge sind sehr schön, das Wetter jedoch sehr wechselhaft und die Berggipfel oft wolkenverhangenen. So stellte auch ich mein Zelt zwischen die anderen und wartete auf gutes Wetter. Bereits nach zwei Nächten hatte ich Glück und perfektes Wanderwetter. So stieg ich hoch zum Fusse des Fitz Roy und bewunderte die schroffen Felswände. 


Steppe
Nach El Chaltén fuhr ich wieder in die unendliche Steppe von Ostpatagonien hinein. Schon bald waren die vielen Touristenbusse verschwunden und nur noch wenige Autos fuhren auf der Strasse. Stellenweise war die Strasse nicht einmal mehr asphaltiert. Diese Gegend zählt zu den am schwächsten besiedelten Regionen der Welt und hat im Schnitt weniger als einen Bewohner auf einen Quadratkilometer. Da der argentinische Teil von Patagonien im Regenschatten der Anden liegt ist es sehr trocken. Die meisten Flüsse sind jetzt im Sommer ausgetrocknet und die Landschaft geprägt von Steppengras, kleinen Büschen, Staub und Wind. Unendliche weite Ebene wechselt sich ab mit sanften Hügeln und schroffen Schluchten. Zwischendurch gibt es sogar Vulkangestein und selten mal ein grünes Tal mit einem Fluss, der das ganze Jahr Wasser hat. In diesen Tälern sind auch die wenigen kleinen Ortschaften, die wie Oasen in der weiten Landschaft stehen. 
Ich musste also das erste mal nicht nur gut planen um genügend Lebensmittel bis zum nächsten Laden zu haben, sondern auch genügend Wasser bis zur nächsten sicheren Wasserquelle. Zum Glück fand ich immer wieder auch einen unvorhergesehenen Bach oder Fluss mit Wasser, so dass ich immer genügend zu trinken hatte. Den der stetige Wind trocknet alles aus und weht er doch ausnahmsweise mal kurz nicht, so wird es schnell richtig heiss. 
Fasziniert bin ich neben der Landschaft auch von den vielen Tieren und Pflanzen, die hier in der Ödnis leben. Vor allem hat es überall Guanacos, die zum Teil in grossen Gruppen durch die Steppe ziehen. Von den Autos haben sie keine Angst und bleiben dicht an der Strasse stehen. Nur mich finden sie, wie die Rentiere in Skandinavien gefährlich und rennen immer weg. Neben den Guanacos gibt es auch immer wieder Herden von Kühen und Pferden. Dabei bin ich mir nie sicher, ob das nun verwilderte, frei lebende Tiere sind oder noch einen Besitzer haben. 
Schaut man mal etwas genauer hin, hat es Stellenweise viele verschiedene, unscheinbar, kleine, feine Blumen und gut getarnte Insekten oder andere kleine Tiere wie zum Beispiel Gürteltiere. 

Cueva de las Manos
Inmitten dieser einsamen Gegend kam ich zu den Cueva de las Manos. In der Schlucht des Flusses Pinturas konnte ich 8000 Jahre alte Höhlenmalerei bewundern. Die damaligen Bewohner lebten von der Guanacojagt und sammelte wildes Gemüse. Die Höhlen in der Schlucht galten als heilige Orte und wurden wie Kathedralen aufgesucht. In Ritualen bemalten sie die Wände je nach Epoche mit verschiedenen Farben und Symbolen. Vorherrschend dabei sind die Negativabdrücke von Händen, gemalte Guatacos und Jäger. Ich war tief beeindruckt von den meist gut erhaltenen Gemälden und das die Menschen damals bereits in der Lage waren solche Kunst zu erschaffen. Da dieser Ort sehr abgelegen ist und nur über schlechte Schotterpisten erreichbar, ist er auch nicht von Touristen überlaufen. Mit dem Velo den Ort zu erreichen war ein reiner Kraftakt und da ich die Schlucht nicht wie geplant bei den Höhlen queren konnte, brauchte ich einen zusätzlichen Tag für die an und Rückreise. Der Aufwand und Energie hat sich gelohnt und auch die Landschaft um die Höhlen herum war sehr sehenswert. 

Der Wind, der Wind…
Die grösste Herausforderung hier ist jedoch nicht das fehlende Trinkwasser, die schlechte Versorgungslage oder die schlechten Strassen, sondern definitiv der Wind. Täglich weht er von den Bergen her über die Ebene Richtung Atlantik. War ich weiter im Süden noch froh, dass er weniger stark ist als befürchtet, so hat er hier alle Hemmungen verloren und bläst mit voller Macht. Nun steht er in nichts mehr hinter dem isländischen Wind zurück. Kleinere Strecken musste ich, wie auf Island schieben, (auf Teerstrasse bergab) da er so fest von der Seite kam und ich es nicht mehr schaffte auf der Strasse zu bleiben. Am mühsamsten am Wind finde ich jedoch nicht, dass er mich am schnellen vorankommen hindert, sondern wie er sonst vieles verkompliziert bis verunmöglicht. Auch nur für eine kurze Pause musste ich zum Teil lange einen Ort mit ein bisschen Windschutz suchen da sonst Phönix sofort umgeweht wurde. Ständig das Windgeräusch auf den Ohren trieb mich Zeitweise fast in den Wahnsinn. Musik oder Hörbuch hören praktisch unmöglich oder nur in voller Lautstärke was den Lärm nicht verbesserte. Und natürlich einen geeigneten Zeltplatz mit Windschutz in einer offenen, freien Steppenlandschaft ohne Bäume zu finden ist alles andere als leicht. Zwei mal musste ich nur hinter einem kleinen Hügel, also ohne wirklichen Schutz das Zelt aufstellen. Alle Heringe in den Boden zu bringen ohne dass das Zelt davon fliegt oder die Stangen zerbrechen brauchte all meine Campingerfahrung und viel Fingerspitzengefühl. Als das Zelt danach gut verankert da Stand war ich jeweils sehr froh und als es auch noch am Morgen ganz war sehr erleichtert. Nur in einer Nacht wehte es ständig feinen Staub ins Zelt hinein und am Morgen war alles mit einer Staubschicht bedeckt, als hätte ich 100 Jahre lang geschlafen. 
Mit der Zeit bemerkte ich, dass er am Morgen etwas weniger deftig blies. So überwand ich mich und stand bereits am Morgen um 4 auf um kurz vor dem Sonnenaufgang losfahren zu können. So konnte ich ein paar Kilometer etwas leichter fahren und die Landschaft etwas mehr geniessen. Der Plan dafür früher Feierabend zu machen ging jedoch selten auf, da ich keinen Lagerplatz fand und doch weiter fuhr. 

Wie weiter? 
Hier in Perito Moreno muss ich mich nun entscheiden. Fahre ich weiter durch Ostpatagonien, also auf der argentinischen Seite in den Norden und kämpfe weiter gegen Wind und Trockenheit durch die offenen Steppenlandschaft oder wechsle ich nach Westpatagonien und gehe nach Chile. Da wäre ich weniger dem Wind ausgesetzt, dafür sollen die Strassen noch schlechter sein, es regnet mehr und gibt mehr Höhenmeter. Bis es so weit ist und ich mich definitiv Entscheiden muss, erhole ich mich hier erst mal ein bisschen. Da heute Sonntag ist und ich nirgends meine Kleider waschen kann, bleibe ich wohl sogar noch einen Tag länger. Auch wenn der Ort ausser Strassenhunden und schlechtem Internet nicht viel zu bieten hat.


Fitz Roy

Fitz Roy



Wilde Kühe, oder doch nicht? 🤔




Gürteltier





Achtung Wind! 😅

Guanacos

Guanacos


Warum Kurven, wenn es auch ohne geht? 

Cañadón del río Pinturas

Cañadón del río Pinturas

Cueva de las Manos

Cueva de las Manos

Cueva de las Manos

Cueva de las Manos

Cañadón del río Pinturas




Dienstag, 16. Januar 2024

Der Süden von Patagonien (El Calafate, Argentinien)

Nach nun gut 2 Wochen hier in Südamerika, bin ich endlich ganz angekommen und staune nicht mehr jeden Morgen beim Aufwachen, das ich tatsächlich hier bin. Zudem bin ich wieder voll und ganz in meinem Radreise- Rhythmus drin und am Morgen und Abend packt sich alles fast von alleine ein und aus. 

Nach dem ich eine Woche in Chile war, wechselte ich wieder nach Argentinien. Der Grenzübertritt verlief problemlos und ich genoss es keine neue Sim-Karte und Bargeld organisieren zu müssen. Nur Sim- Karte austauschen und weiter ging's. Während Chile etwas grüner und gebirgiger ist, ist es hier in Argentinien wieder braun und trocken. Ich fuhr mehrere Male durch scheinbar unendliche weite Steppe, die von weitem nur leer und tot aussah. Aber beim genauer hinsehen hat es überall Tiere und spannende Pflanzen. Meistens waren die Tiere in Senken oder hinter kleinen Hügel im Windschatten. Und die Pflanzen in der Nähe von Bachläufen, Flüssen oder Tümpeln. So konnte ich wieder viele Guanakos, Nandus und Pelikane beobachten. An einem See machte ich das erste mal Bekanntschaft mit Schwarzhalsschwänen und am Himmel tauchten Kondore auf. Während die anderen Vögel wegen dem starken Wind nur dicht am Boden oder überhaupt nicht fliegen, segelten die Kondore in grosser Höhe dahin, als sei der Wind nur eine leichte Briese. 

Ja, der Wind ist hier definitiv das dominierende Element. Die ganze Natur scheint sich ihm angepasst zu haben und die Bäume, die keinen Windschutz haben, wachsen bereits von klein an schief und von ihm weggedreht. 
Weht der Wind gegen mich, so komme ich nur noch leicht schneller als Schrittgeschwindigkeit voran. Kommt er jedoch von hinten, so saust Phönix nur so dahin und ich brauche praktisch nicht mehr zu treten und fahre trotzdem zwischen 30 und 40 km/h. Und das ohne Fahrtwind. Am ärgerlichsten ist es jedoch, wenn er von der Seite kommt. So braucht es viel Konzentration um auf der Strasse zu bleiben und nicht ständig in den Strassengraben oder in die Mitte der Fahrbahn geweht zu werden. Nun zahlt sich mein Training von Island aus und ich hab weniger Probleme mit dem Wind als andere Velofahrer. 
Nicht nur der Wind ist hier stärker als in Europa, auch der Rest ist um einiges grösser und weiter. 200km bis zum nächsten Dorf ist keine Seltenheit, die Weiden und auch die Schaf und Rinderherden darauf sind riesig. Im Moment bin ich am Lago Argentino, dem grössten See von Argentinien und er ist gleich dreimal so gross wie der Bodensee. Neben den anderen Seen in der Umgebung und den weiten Steppen wirkt er jedoch überhaupt nicht so viel grösser. 

Zu meinem erstaunen hat es auf den Strassen viele europäischen Nummernschilder (Motorräder und Caravans). Vor allem Franzosen, Deutsche und Schweizer nehmen offensichtlich gerne ihre Fahrzeuge mit. So komme ich regelmässig ins Gespräch mit anderen Reisenden und kann mich regelmässig sogar auf deutsch unterhalten oder in englisch, was auch hier die gängige Sprache unter den Reisenden ist. So habe ich gar nicht so viel Kontakt zum Spanischen wie ich erwartet hab. Eventuell ändert sich das jedoch, wenn ich in weniger touristische Gegende komme. 


Nandus 


Gauchos 

Gauchos

Schwarzhalsschwäne

Lupinen 


Kondor


Pelikane 

Guanakos


Lago Argentino

Glacier Perito Moreno


Montag, 8. Januar 2024

Ein neuer Start (Punta Arenas, Chile)

Ja, ich reise gerne und mag es unterwegs zu sein und neue Länder, Landschaften und Kulturen zu entdecken. Aber bis mein Velo und die ganze Ausrüstung endlich auf der anderen Seite des Atlantiks, des Äquators und fast auf der anderen Seite der Welt waren, war es schon sehr stressig. Mit dem fliegen hab ich kein Problem (ausser die ökologischen Aspekte natürlich), da kann ich nichts anderes machen als sitzen und warten. Aber bis ich im Flieger sitze und vor allem danach bis alles wieder zusammengesetzt ist und ich eine funktionierende Sim-Karte und das richtige Geld hatte brauchte es sehr viele Nerven. Deshalb fahre ich so gerne von zuhause mit dem Velo los. So kann ich den ganzen Stress überspringen und gleich das machen was ich mag. Aber da hab ich nun jedoch schon alle Richtungen ausgekundschaftet und einmal mit dem Velo auf einen anderen Kontinent war schon sehr reizvoll. Also Augen zu und durch und vier Tage nach meinem Aufbruch, war es endlich überstanden und ich hatte alles zusammen und konnte in Ushuaia starten.

Obwohl der südliche Zipfel von Südamerika nicht südlicher ist als Dänemark nördlich, so ist das Klima ohne Golfstrom viel rauer und fühlt sich eher an wie in Island oder der Norden von Norwegen. Zudem ist Feuerland nur schwach besiedelt und die Ortschaften liegen weit auseinander. Als ich also in Ushuaia los fuhr hatte ich gleich 100km ohne Ortschaft und Verpflegungsmöglichkeit vor mir. Dies hatte ich jedoch schon öfters und machte mir keine Sorgen. Gleich am ersten Abend traf ich zudem auf Podtschis, die mit dem Velo von Mexiko hier hinab gefahren sind. Wir zelteten zusammen und ich bekam nochmals jede Menge guter Typs und Radschläge. Vielen Dank nochmals! 

Am nächsten Tag verlies ich die Berge und kam ins offene Gelände. Da wurde der kalte Wind, der für die Gegend hier sehr typisch ist, immer wie stärker und kam meist direkt von vorne. So kämpfte ich mich mehr als ich fuhr in den Norden. Zu meiner Überraschung ärgerte ich mich jedoch überhaupt nicht über den Wind, sondern war nur froh, dass er nicht stärker ist und ich überhaupt fahren kann. (Auch wenn es nur 8 km/h waren.)

Schon bald kam ich an die chilenische Grenze. Den Argentinien wird hier an der Magellanstrasse von Chile unterbrochen. Also kam ich nach wenigen Tagen wieder in ein neues Land und musste schon wieder neues Bargeld und eine neue Sim-Karte besorgen. Da es an der Grenze keinen offenen Laden hatte, musste ich ohne Funktionierende Sim-Karte losziehen und konnte auch nicht wie geplant die Vorräte auffüllen. Also 180km gegen den Wind (inklusive einem 40km langen Abstecher zu einer Pinguinkollonie) ohne Internet und nur das Minimum an Essen, grösstenteils auf einer Schotterpiste.

Zum Glück war das Wetter wenigstens trocken und vor allem die Landschaft sehr schön. Unendliche Steppenlandschaft mit vielen Schafen, Pferden, etwas Kühen und überall Guanakos und exotische Vögel.

Die Atlantikküste und das Ufer der Magellanstrasse ist völlig unbebaut und frei von touristische Bauten was für mich sehr ungewohnt ist so lange nahe an einer Küste zu sein und doch so abgelegen und weit weg von der nächsten Ortschaft.

Die Menschen hier sind extrem hilfsbereit und freundlich. Mindestens jedes zweite Auto winkt mir zu, zeigt den Daumen nach oben und hupt motivierend. Halte ich an um eine Pause zu machen werde ich sofort gefragt ob alles ok ist und mehrere Male bekam ich Wasser oder was zu Essen geschenkt. So kam ich auch problemlos ohne zu verhungern nach Porvenir und konnte wieder einkaufen und eine Sim-Karte kaufen.

Obwohl ich letztes Jahr in Neuseeland mehr Kilometer von zuhause weg war, fühlt es sich hier viel weiter weg und fremder an. Bis jetzt konnte ich jedoch jedes Hindernis bewältigen und hab früher oder später alles bekommen was ich wollte. 


Start in Brügg

Das Ende der Strasse. Ab hier gehts nur noch in den Norden. 

Nationalpark Tierra del Fuego

Magellangans

Nationalpark Tierra del Fuego

Ushuaia




Guanakos

Criollo 





Guanakos

Königspinguine 

Gaucho


Heimreise (Hasle, Schweiz)

Während der ganzen Reise habe ich immer wieder überlegt, von wo aus und wie ich am Ende zurück nach Europa kommen könnte. Schliesslich wurde...